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Nun geht‘s für uns und für Aglaya in die Winterpause. Alles unter und an Deck haben wir gut verstaut und versorgt. Unser Boot ist gut mit Leinen gesichert, denn trotz dem meisten milden Winterwetters gibt es auch ab und zu Starkwind und kräftigen Regen. Am letzten Tag vor unserer Heimreise nach Heidelberg haben wir das große Wintercover aufgezogen und befestigt.

Unsere Nachbarn, die auf ihren Booten überwintern, werden ein Auge auf Aglaya haben. Da können wir uns gut verabschieden und die Heimreise antreten. Dass wir am Tag unmittelbar vor dem landesweiten Corona-Lockdown in Griechenland fahren, ist eher ein Zufall, aber für uns ein Glück. Die Fähre bringt uns von Patras nach Ancona.

Dann geht‘s mit dem Auto durch Nacht und Nebel non-stop durch Italien und die Schweiz. Die Straßen sind leer. So kommen wir gut durch und sind am 8.11. früh am Morgen wieder in unserem anderen zu Hause. Hier ist es auch schön! Aber wir freuen uns schon darauf, im nächsten Frühjahr wieder an Bord zu gehen.

Im letzten Jahr waren wir schon einmal mit Beatrix und Peter bei der antiken Schiffswerft auf der  Halbinsel westlich von dem Lagunen-Ort Aitoliko. Wir fahren noch einmal dorthin, denn Oinádái war eine ganze antike Stadt mit einem Amphitheater und einer Stadtmauer. Das schauen wir uns noch einmal ausführlich an und entdecken dabei auch Interessantes in der Fauna, so zum Beispiel Eichen, deren Eicheln bis zu viermal so groß sind, wie wir sie aus Deutschland kennen. Und wir sind einmal wieder ganz alleine in dem Gelände unterwegs.

Da wir uns auch dieses Mal die Frage stellen, wo denn der Zugang der antiken Werft zum Meer war, fahren wir weiter auf holperigen Straßen entlang von Bewässerungskanälen bis zur Küste an der Bucht von Petala. Wir fahren durch eine auf den ersten Blick verlassene Landschaft. Aber beim näheren Hinsehen, können wir erkennen, dass hier sehr wohl Menschen leben, die das Land bewirtschaften, z.B. mit dem Anbau von Gemüse und Baumwolle (!). Baumwolle braucht viel Wasser. Deswegen sind wir erstaunt, dass ausgerechnet in einer Region, in der in der warmen Jahreszeit eher Wassermangel herrscht, Baumwolle angebaut wird. Griechenland war bis vor wenigen Jahren unter den den ersten zehn größten Baumwollproduzenten weltweit, so lesen wir es im Internet nach. Die Flüsse aus den Bergen (hier der Fluss Acheloos) haben bisher wohl immer genug Wasser gebracht. Und es gibt ein ausgefuchstes Bewässerungssystem, das auch heute noch funktioniert. Ob der Rückgang der Produktion eher mit der Krise oder mit dem Klimawandel zu tun hat, oder mit der Globalisierung, konnten wir nicht feststellen. Vermutlich wird wohl die Globalisierung ein wesentlicher Faktor sein.

An der Bucht von Petala kommen wir dann ans Meer. Wir sehen Holzhäuser, kein Mensch ist zu sehen, alles sieht sehr ärmlich aus. Aber die Häuser sind bewohnt. Wovon leben die Menschen hier? Vermutlich nicht vom Fischfang, denn wir sehen keine Fischerboote. Aber es gibt Verschläge mit Ziegen und Schafen und an einer Stelle sogar Kühen. Alle Tiere sind sehr mager, nicht wie bei uns auf den Weiden. Der Autor Petros Makaris schreibt in seinen Essays davon, dass es in Griechenland vor der Beitritt zur EWG/EU eine „Kultur der Armut“ gab. Viele Menschen waren arm, aber sie schafften es in Armut in Würde zu leben. Das hat sich geändert, die Ansprüche sind gestiegen und viele leben auf Pump, so schreibt er. Aber hier in dieser auf den ersten Blick verlassenen Region gibt es diese „Kultur“ vielleicht noch. Wir sind beeindruckt und berührt.

Der Peleponnes lässt uns nicht los. Ein Stück entlang des Golfs von Korinth fahren wir mit dem Auto nach Diakopto. Von dort fährt eine Schmalspurbahn (teilweise als Zahnradbahn) durch eine spektakuläre Schlucht 23 Kilometer hinauf in die Berge bis nach Kálávryta. Leider müssen wir feststellen, dass alle Fahrten für diesen Tag ausgebucht sind. Daher fahren wir mit dem Auto durch eine spektakuläre Berglandschaft Richtung Kálávryta bis zum Kloster Mega Spileon.

Das Kloster ist an den senkrechten Fels gebaut. 1943 brannten es die deutschen Nazis nieder, aus Rache, weil es den Partisanen der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS gelungen war 81 deutsche Wehrmachtsangehörige gefangen zu nehmen. Diese sollten gegen griechische Freiheitskämpfer ausgetauscht werden.  Das gelang aber nicht. Im Kloster starben 17 Kinder und Mönche im Alter von 14 bis 88 Jahren. Eine Gedenktafel nennt ihre Namen und ihr Alter. Auch in Kálávryta wüteten die Nazis. Sie trieben alle 1300 Einwohner zusammen, töteten alle Männer, plünderten die Häuser und setzten sie in Brand. Diese Taten sind bis heute nicht gesühnt!

Die Strecke der Schmalspurbahn unten in der Schlucht können wir immer wieder von oben sehen. Wer gerne wandert, fährt mit der Bahn bis zur Mittelstation und läuft dann entlang der Gleise in dreieinhalb Stunden wieder hinunter. Dabei geht es auch durch Tunnel und über ausgesetzte Brücken. Da ist Schwindelfreiheit gefragt. Wir hätten das gerne gemacht. Aber die Tour mit dem Auto war auch sehr beeindruckend.

Den 916 Meter hohen Varasova sehen wir von unserem derzeitigen Liegeplatz in Messolonghi jeden Tag - bei unterschiedlichem Wetter und Licht. Abends bei Sonnenuntergang zeigt er sich oft in Rot - Alpenglühen also.

Da wir ja nicht nur Segler, sondern auch begeisterte Bergwanderer sind, machen wir uns von seinem Fuß aus auf den Weg, steil hinauf 400 Höhenmeter auf ungefähr halbe Höhe. Ab dort geht es dann in den steilen Fels. Das ist nur etwas für versierte Kletterer. Die sind wir nicht. Unser Ziel ist eine kleine Kapelle. Von dort haben wir einen weiten Blick über den Golf von Patras und die Ebene um Messolonghi. Hier oben fühlen wir uns ein bißchen wie auf einer Alm im Allgäu. Überall blühen Herbstzeitlose in Violett und Weiß, Alpenveilchen und viele andere Blumen. Ein Blumenmeer, wunderschön anzuschauen nach den trockenen Sommermonaten. Nach dem Abstieg haben wir uns dann am Fuß des Felsens in Kryoneri ein kühles Bier gegönnt.

Viele Segler lassen ihr Boot im Winter in den Marinas in Prevezza. Das wollen wir uns mal anschauen und mit einem Besuch beim Segelmacher verbinden, der uns über den Winter eine neue Genua machen wird. Die neue Autobahn nach Lefkada ist noch nicht fertig. Also fahren wir viel Landstraße (mit vielen Schlaglöchern), aber mit herrlichen Ausblicken auf den Ambrakischen Golf. Besonders gut gefallen hat und das kleine Städtchen Vonitsa mit seinem Hafen und der über dem Ort gelegenen Festung.

In den Marinas von Prevezza gibt es jeden Service und viele Stellplätze an Land. Im Vergleich zur familiären, idyllischen und ruhigen Marina in Messolonghi, die allerdings zurzeit keine Lizenz für Arbeiten an den Booten hat, ist hier alles groß und eher unpersönlich. Beim Segelmacher lassen wir unsere alte Genua - sozusagen als Vorlage. Aber er ist dann trotzdem noch extra nach Messolonghi gekommen, um unser Boot genau auszumessen. Im Frühjahr wird dann Aglayas Segelkleid komplett neu sein.    

Das Land hinter den Lagunen von Messolonghi ist wild. Ein schroffes, steiles, teils verkarstetes, teils vulkanisches Gebirge mit ungeheuren Felsabstürzen, senkrechten Felswänden und Schluchten. Wir sind nach Kato Retsina gefahren, einem winzigen Dorf auf einer Felskante oberhalb von Messolonghi (siehe auch „Wissenswertes“). Schon hier hat man einen gewaltigen Blick auf die Ebene, die Lagune und das Meer, natürlich auch auf das Varasova-Gebirge gegenüber von Patras. Hier waren wir schon, denn Anatoli hat hier, genau an der Kante, ein Restaurant mit diesem unglaublichen Blick. 

Diesmal hatten wir einen Tipp von unseren Marina-Nachbarn Tony und Pat. Wir fuhren also von Kato Retsina noch weiter hinauf ins Gebirge, mit wilden Schluchten und oft Fernblick aufs Meer, auf die südlichsten ionischen Inseln Kefallonia und Zakynthos. Die Straßen schmal und in keinem guten Zustand, aber das war erst ein Vorgeschmack.

Jenseits der Passhöhe öffnete sich ein riesiges grünes Tal, begrenzt von steilen grünen Hängen, man fühlt sich ans Tessin oder ans Piemont erinnert, mit uralten Eichen und weiter unten Esskastanien (Käschte, wie der Pfälzer sagt). Kleine Dörfer, Ziegen, die die Hänge hinaufkraxeln, und die Straßen immer schmaler. Manchmal geht es in den Kurven direkt neben der Straße senkrecht nach unten, mehrere hundert Meter tief, es wird einem beim Fahren fast schwindlig. Die Beschilderung natürlich auch nicht immer so besonders eindeutig, so dass wir mehrmals umdrehten, weil wir ernsthafte Zweifel hatten, ob wir überhaupt noch weiterkommen. 

Zu der weiten Ebene mit zwei Binnenseen unter uns schraubten wir uns in wilden Serpentinen hinunter. Damit war die spektakuläre Landschaft aber noch nicht zu Ende: Unten angekommen, ging es nach wenigen Kilometern, wieder Richtung Südwesten, in eine Schlucht. Rötlich-weiße senkrechte Felswände begrenzten die Straße, die durch die Schlucht führte, die die Landschaften  der Karl-May-Filme wirklich in den Schatten stellt. Wir hielten oft, um zu fotografieren, auch weil die Abendsonne ein wunderbares kräftiges rötliche Licht bewirkte. 

Plötzlich waren wir aus der Schlucht heraus und wieder in der Ebene, vorbei an den Lagunen mit den Pelikanen und den Flamingos, zurück nach Messolonghi. Das Festland ist ein ebenso unglaublich schroffes, wildes und zerklüftetes Land wie der Peloponnes - faszinierend. 

Nach einer Segelsaison gibt es einiges zu tun, damit das Boot mit allem dran und drin gut gepflegt und gewartet in die Winterpause geht. Die Segel werden gut eingepackt. An Deck werden alle Teile aus Metall gereinigt und poliert. Auch das Holz braucht Pflege. Das Einölen des Teakdecks heben wir uns allerdings für das Frühjahr auf. Der Anker hat wohl ab und zu an Felsen geschabt. So ist seine Spitze rostig und muss abgeschliffen, neu grundiert und gestrichen werden. Schmutz und dunkle Flecken werden vom Rumpf entfernt. Alles wird auf kleine Schäden und die Funktionstüchtigkeit geprüft. Insbesondere der Motor braucht Aufmeksamkeit. Die beiden Dieseltanks sollten fast voll sein und ein Mittel gegen Dieselpest eingefüllt werden. Ölfilter und Öl werden gewechselt, die Keilriemen werden gespannt. Ein kleines Leck im Kühlwassersystem muss abgedichtet werden. John, der Segelmacher, kommt extra von Prevezza um die notwendigen Maße für ein neues Vorsegel aufzunehmen. Und eine größere Waschaktion ist fällig. Zum Glück scheint die Sonne auch in der zweiten Oktoberhälfte oft noch so intensiv, dass alles innerhalb weniger Stunden trocken wird. Es ist ein bißchen so wie ein Großputz daheim. Da sitzt man danach ja auch zufrieden bei einem Glas Wein und freut sich über sein blitzblankes Zuhause.